Ein passionierter Bergsportler machte mit Freunden und seiner Familie einen Ausflug in die Berge. Auf ihrer Tour war auch eine kurze Bootsfahrt geplant – in einer idyllischen Landschaft, mit schneebedeckten Bergen als Kulisse und auf über 1000 Meter Höhe der ruhig gelegene Bergsee. Ein jeder der Gruppe war von der ganzen Szene tief beeindruckt und ganz erfüllt von der Stille und Magie des Ortes. Das Boot setzte sich mit leichten Paddelschlägen vom Ufer aus in Bewegung.

Dann passierte das Unvorsehbare: die wertvolle Uhr, die der Mann am Arm trug, löste sich von seinem Arm und glitt in das noch ufernahe Wasser. Die erste Reaktion: Panik! Die mischte sich dann mit Wut und der Mann schrie aufgeregt „Nein, nein, das darf nicht wahr sein“!  Der Mann sprang sofort ins Wasser, um seine Uhr zu suchen.  Nun kam die Angst, seine teure, liebgewonnene Uhr hier zu verlieren. Die Familie, die Freunde, fassungslos, taten sofort das Gleiche und suchten wie wild im schlammhaltigen Grund des Sees nach dem verlorenen Stück. Doch je mehr sie suchten, desto mehr wurde der Schlamm aufgewirbelt und umso mehr lief der sich verbreitende Aktionismus ins Leere.

Der Mann war völlig am Ende. Er schlug die Hände vors Gesicht, damit man seine Tränen nicht sehen konnte. Er war verzweifelt. So saß er eine Weile da.

Dann hatte der Mann eine Idee, eine Intuition. Er bat seine Familie, nun sichtlich ruhiger, mit der Suche aufzuhören. Die aufgewühlten Schlammpartikel sollten sich erst mal wieder setzen, denn im trüben Wasser war der Grund nicht mehr zu sehen. So vergingen gut 10-15 Minuten. In dieser Zeit hatten sich nicht nur die emotionalen Wogen aller Beteiligten geglättet. Das Wasser des Sees war wieder klar. Der Mann bewegte sich in die Richtung des Bootes, sah auf den Grund und in kurzer Zeit etwas Metallisches aufblitzen. Er war überglücklich, nicht nur über die wiedergefundene Uhr, sondern auch über die Lektion, die er dabei gelernt hatte.

 

Unsere Gefühle sind oft wie aufgewirbelter Schlamm

Vielleicht erkennst du dich ja auch in dieser Geschichte wieder. Wie oft sind wir in einem Aktionismus gefangen, wie oft dreht sich unser Gedanken- und Gefühlskarussell immer schneller und schneller. Wie oft mischen sich die immer wiederkehrenden (Problem-)fragen mit unangenehmen Gefühlen?  Und wie oft sind wir uns dessen gar nicht mehr bewusst?

Wenn wir also in Wut geraten, unser furchtbar ärgern, dann schaltet unser Gefühlscocktail erst mal das rationale Denken aus. Man kann in den neurologischen Verbindungen zwischen Herz und Gehirn dann messen, dass unser Angstzentrum aktiviert wird und unser präfrontale Cortex , in Stirnhöhe, abgeschaltet wird. Im Gehirn feuern inkohärente Signale in alle Gehirnregionen – der Fokus geht verloren. Kennst du das? In solchen Situationen kannst du keinen einzigen klaren Gedanken fassen.

Komm doch mal runter!

Gefühle wie Wut oder Ärger sind erst mal da und dafür sollte man sich nicht verurteilen. Im Gegenteil: wegdrücken oder ignorieren macht es nur noch schlimmer. Denn die unangenehmen Emotionen, die wir fühlen, haben ihre Bedeutung.

Studien zufolge ist fortwährender Ärger für unser Herz genauso gefährlich wie Rauchen oder Bluthochdruck. Das Risiko eines Infarktes oder Schlaganfalls wächst, wenn man sich häufig, lange und intensiv ärgert, da dies Blutfett- und Zuckerwerte steigen lässt. Ärger schlägt zudem auf den Magen, beeinträchtigt die Verdauung, löst Kopfschmerzen aus und lässt uns nicht oder schlecht schlafen. Für 20 Prozent der Bevölkerung ist übertriebener Ärger sogar lebensbedrohlich, nämlich für diejenigen, die am „Feindseligkeitssyndrom“ leiden (chronisch zum Ärger bereit, leicht erregbar, tendenziell aggressiv).

Wichtig ist dann, wie wir mit solchen Situationen umgehen. Wollen wir schreien, toben, andere und uns selbst verletzen wie ein wildes Tier? Oder wollen wir das Gefühl annehmen, tief durchatmen, einen kurzen Moment in die Ruhe gehen und dann reagieren?

Wir haben die Wahl. Immer.

In der Wut verliert der Mensch seine Intelligenz.

Dalai Lama

Konstruktive Wut

Gibt es das wirklich „konstruktive Wut“, wirst du dich fragen?  Nun, es kommt auf das richtige Maß an. Richtig eingesetzt, kann uns Ärger dabei unterstützen, für uns oder andere einzustehen. Es gibt Momente, da ist es erwünscht, sich zu ärgern und diesem Ärger Ausdruck zu geben. Zum Beispiel um gegen Ungerechtigkeiten vorzugehen, Hindernisse aus dem Weg zu räumen oder das, was einem in einer Beziehung nicht gefällt, beim Namen zu nennen. All das – angemessen, sprich gewaltfrei ausgedrückt – kann sehr konstruktiv sein.

Obwohl Ärger, wohl dosiert, uns Hinweise gibt, dass etwas für uns nicht stimmt, und kreative Energie freisetzen kann, um Veränderungen anzutreiben und Gegebenheiten neu zu justieren, erlauben sich viele nicht, verärgert zu sein. Wenn wir unsere Wut unterdrücken, unterdrücken wir unsere Gefühle und verleugnen uns selbst.  In meine Praxis kommen oft Menschen, deren Krankheitsursache unterdrückte Gefühle sind – nur ist uns das nicht wirklich bewusst. Wir bringen Ursache und Wirkung nicht in Zusammenhang, weil wir ihn nicht sehen.

Viele von uns haben von Kindheit an gelernt, brav und kontrolliert zu sein – oftmals in Momenten, wo echte Empörung angebracht gewesen wäre. Das führt zu (über-)angepasstem Verhalten und Verlust von Selbstwert. Wir fühlen uns als Opfer. Diese unterdrückte Wut kann sich dann gegen uns selbst richten – dazu zählen auch Autoimmunkrankheiten.

Es geht also um die Regulation unserer Gefühle – zwischen dem „zuviel“ und dem „zuwenig“ Ärger genau die Mitte zu finden und unsere Bedürfnisse so zu artikulieren, dass sie für den anderen nicht verletzend sind.

 

Wie träge sind wir eigentlich?

Die innere Ruhe, gedankliche Klarheit zu finden, ist aber gar nicht so einfach. Denn das geht nicht auf Knopfdruck. Unsere Emotionen, insbesondere diejenigen, die in uns Druck und Stress aufbauen, haben uns gut im Griff. So wie ein Karussell, wenn es einmal voll an Fahrt aufgenommen hat, können wir es erst nach einer Zeit zum Stillstand bringen. In der Physik nennt man das Trägheit:

Das Trägheitsprinzip besagt, dass ein gleichförmig bewegter Körper seine gleichförmige Bewegung beibehält, sofern keine Kraft auf ihn ausgeübt wird.

Newtonsche Gesetz der Schwerkraft.

Das heißt also, solange wir nicht irgendeine Form von „Kraft“ aufwenden, um das Drehmoment aufzuhalten oder in eine andere Richtung zu bringen, wird nichts passieren. Das Karussell wird sich weiterdrehen, die Emotionen uns weiter überschwemmen. Es sei denn wir TREFFEN DIE ENTSCHEIDUNG, dies zu ändern.

Diese Kraft, die wir benötigen, um den Schalter umzulegen, ist aber nicht mit Anstrengung verbunden. Es geht eigentlich ganz einfach. Man muss nur beschließen, sie zu benutzen.

Wir sind mehr als unser Reptiliengehirn uns glauben macht

Selbst wenn wir uns immer wieder mit dem Thema Wut oder Ärger auseinandersetzen, bleibe ich immer optimistisch, weil ich an das innere Potential der Menschen glaube, diese Kraft zur eignen Veränderung freizusetzen.

Wir sind intelligente Wesen, wir bestehen nicht nur aus unserem Reptiliengehirn mit automatisierten Abläufen und Gewohnheiten. Im Laufe der Evolution haben wir den präfrontalen Cortex entwickelt, der uns ermöglicht, über uns selbst zu reflektieren, Dinge anders zu machen und über uns selbst hinauszuwachsen.

Versuche doch mal, das Gedankenkarussell zum Stillstand zu bringen. Nimm dir Zeit dafür. Wie der Mann in der obigen Geschichte.

Wenn du wissen möchtest, was du konkret im Alltag tun kannst, um auch mal wieder “runter” zu kommen, dann lade dir doch meine 5 besten Tipps für weniger Stress herunter – alle erprobt und leicht umsetzbar!

 

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